Die Bilanz meiner Vergesslichkeit

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Die Bilanz meiner Vergesslichkeit
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Gewinn- und Verlustrechnung mit Valerie Schult

Seitdem ich in der Unternehmensberatung arbeite, ist meine Gedächtnisleistung gesunken. Idealerweise sollte ich eigentlich souverän auf dem Spielbrett des Multi-Taskings mitspielen, Bilanzen analysieren, Kaffeekanne putzen, Break-Even-Points berechnen, Spülmaschine anstellen, Controlling-Cockpits entwerfen, Tischtennis spielen und die Excel-Summenberechnung vertiefen. In den Pausen zwischendurch die Sprachfetzen gutturaler Dialektlaute meiner Kollegen entziffern und am Telefon als Biodeutsche „Signora non è in ufficio“ – Phrasen auf Italienisch radebrechen. Die Realität lautet: Ich bin von gleichzeitiger Sach- und Denkarbeit überfordert. Für meine vorherigen Hauptberuf als freie Journalistin habe ich Preise gewonnen, erfolgreich habe ich Kants „Kritik der reinen Vernunft“ auf der Universität gelesen und verstanden. Jetzt bin ich in einem strukturierten Büro, habe einen 8-Stunden-Tag und vergesse ständig und alles: Sei es den Lichtschalter auszumachen, wenn ich die Tür hinter mir zuziehe, sei es beim Postkasten Briefe abzuholen, sei es den Knopf der Kaffeemaschine auszuschalten. Ich kann zwar Podiumsdiskussionen moderieren, scheitere aber auch beim zehnten Mal daran, den „Senden“-Knopf einer Email vom hauseigenen ERP-System zu finden. „Du hast zu lange alleine gearbeitet“ sagt meine Kollegin und da ist sicher etwas daran: Früher war nur ich für mein Ich-Unternehmen verantwortlich, heute befinde ich mich in einem menschlichen Gefüge sozialer Beziehungen, eingebettet in einem Team, bei dem jeder auf jeden Acht gibt. Fremde Anrufe gehen ständig rein und raus, Menschen kommen, Menschen gehen. Ab und zu, muss ich, völlig unvorbereitet, reden!

Studien belegen, dass Stress dazu führt, dass man weniger lernt. Der Cash Flow neuer Impulse und neuer Inspirationen wandert ständig an mir vorbei, was dazu führt, dass das Hormonlevel von Cortisol oder Adrenalin ansteigen. Mein Körper ist durch die vielen neuen Eindrücke in einer innerlichen „Attacke – jetzt kommt es zu einem Kampf“- Haltung.  Dadurch behalte ich die neu gelernten Methoden weniger, selbst wenn sie mir schon zehnmal gesagt worden sind. Der Umsatz meiner Gehirnleistungen ist auf sehr hohem Level, der Rohgewinn meiner Gedankenresultate befindet sich jedoch im Sinkflug. Im Aufstieg hingegen ist mein Eigenkapital: Die rechnerischen Fähigkeiten, mein Blick für wirtschaftliche Zusammenhänge in den Abendnachrichten und die quantitative Masse meiner Hirnsubstanz. Das Lernen oder Sprechen von Fremdsprachen führt auf Dauer dazu, dass sich in den entsprechenden Arealen meines Gehirns die graue Substanz verdichtet. Ich baue auf diese Investitionskosten und hoffe, dass unter dem Strich, die Bilanz in Zukunft stimmt. Bis dahin muss ich nur noch ein paar Verluste schreiben.

Und falls Sie dann irgendwann mal vor meinem Schreibtisch stehen und eine Frau mit perfekt rot lackierten Fingernägeln sehen, die aber grüblerisch auf den Bildschirm starrt: Einfach zum nächsten Kollegen weitergehen. Die können dieses Multi-Tasking bislang besser als ich.  Dass sie darüber lachen, ist sicherlich einer der besten Qualitätsnachweise von ROI TEAM CONSULTANT.

Zur Person: Valerie Schult, *1991, graduierte 2015 im Fach Politikwissenschaften an der Universität Passau. Selbstständig als freie Wirtschafts- und Technikjournalistin und Event-Moderatorin in Berlin und Hannover, seit diesem Frühjahr in Südtirol. Die Bergliebhaberin arbeitet seit Oktober 2019 beim ROI TEAM CONSULTANT. Denn: Nirgendwo ist es schöner.

 

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