Über Handelsbilanzen und das Bier-Anschreiben Empfehlung

geschrieben von  Daniel Vikoler
Über Handelsbilanzen und das Bier-Anschreiben

In einem seiner unzähligen Tweets hat sich kürzlich Donald Trump darüber beschwert: „Sehr schlecht für die USA, das wird sich ändern“.
Gemeint war der Überschuss der Handelsbilanz Deutschlands, der im vergangen Jahr eine Rekordhöhe von 239 Milliarden Euro erreicht hat. 

Kein anderes Land, nicht einmal China, hat im Jahr 2016 so viel mehr exportiert als importiert. Das größte Handelsdefizit weisen hingegen die Vereinigten Staaten auf: Es summiert sich auf 451 Milliarden Euro. Die USA verbrauchen deutlich mehr als sie produzieren und verschulden sich somit im Ausland.

 

Auch innerhalb Europas steht Deutschland seit Jahren deswegen heftig unter Kritik. Im Jahr 2016 betrug der Überschuss über acht Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung, während die EU-Kommission bereits Werte von dauerhaft mehr als sechs Prozent als stabilitätsgefährdend einstuft. Länder mit enormen Überschüssen tragen dazu bei, dass andere Staaten sich hoch verschulden, um ihre Importe zu finanzieren.

 

Handelsbilanzen und Makroökonomische (Un)gleichgewichte

Die Handelsbilanz, ein grundlegender Teil der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, ist eine rechnerische Gegenüberstellung aller Warenimporte und Warenexporte einer Volkswirtschaft. Übersteigt die Summe der Warenexporte die Summe der Einfuhren, so ergibt sich eine positive Handelsbilanz.

Salden und Defizite der Handelsbilanz haben direkte Auswirkungen auf die Wechselkurse eines Landes, was in der Folge wiederum zu einem Ausgleich der Handelsbilanz führt. Nehmen wir z.B. die USA, die einen erhebliches Handelsbilanzdefizit im Vergleich zum Euro-Raum aufweist. Die USA bezahlt europäische Waren mit Euro, es steigt also das Angebot von Dollar und die Nachfrage an Euro auf den Devisenmärkten. Die Aufwertung des Euros (und die Abwertung des Dollars) hat zwei Effekte. Zum einen werden die exportierten europäischen Waren für das Ausland teuer. Zudem sinkt die Konkurrenzfähigkeit des Euro-Raumes. Amerikaner kaufen jetzt weniger Waren aus dem Euro-Raum und Europäer importieren verstärkt die günstigeren amerikanischen Produkte. In der Theorie sinkt also sowohl der Handelsbilanzüberschuss der Euro-Zone also auch das Handelsbilanzdefizit der USA.

Das Dilemma des Euro-Raums

Das oben beschriebene Prinzip von Ursache und Wirkung, das zum Einpendeln der Handelsbilanz führen sollte, ist Theorie. In der Praxis spielen eine Vielzahl von Faktoren, wie z.B. Preisstabilität, Beschäftigungsgrad und Langfristzinsen eine Rolle für das makroökonomische Gleichgewicht eines Landes.
Im Euro-Raum ist die Suche nach diesem Gleichgewicht noch um einiges komplizierter. Die verschiedenen Länder haben sich auf eine gemeinsame Währung geeinigt. Arbeitslosigkeit, Zinsniveau und Wachstum des Bruttoinlandproduktes sind aber nationale Angelegenheiten.
So ist der Euro-Kurs für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu niedrig aber zu hoch für Länder wie Italien, Spanien und Frankreich.
„Wir haben ein Mandat für die gesamte Euro-Zone“, behauptet der Präsident der Europäischen Zentralbank Mario Draghi. Idealerweise müsste er aber einen individuellen Euro-Wechselkurs für jedes einzelne Land der Euro-Zone definieren können. 

Die expansive Geldpolitik der EZB hat zu einer Abwertung des Euros geführt, um die Exportgeschäfte konjunkturschwacher südeuropäischer Länder zu stärken. Die Wirtschaftslokomotive Deutschland hat durch den schwachen Euro die Exportzahlen nochmals gesteigert. Durch die starken Exportzahlen Deutschlands steigt der Euro-Wechselkurs. Dies schadet wiederum den wirtschaftlich schlechter gestellten Ländern des Euro-Raumes, die nun im internationalen Wettbewerb weiter an Wettbewerbsfähigkeit verlieren. 

Anschreiben is‘ nicht

Der Exportüberschuss Deutschlands ist sicherlich stark von der europäischen Zinspolitik beeinflusst. Nichtsdestotrotz hat Deutschland Hebel, um den Handelssaldo zu reduzieren. Stärker steigende Löhne und höhere Inlandsinvestitionen würden maßgeblich dazu beitragen. Dies würde nicht nur den anderen Euro-Ländern, sondern auch Deutschland zugutekommen.
Denn – auch wenn die Politik das manchmal so darstellen möchte – ein dynamisches Exportgeschäft ist nicht unbedingt Indiz für wirtschaftliche Solidität. Ein Überschuss im internationalen Handel geht einher mit einem Nettoexport von Kapital: Geld, das auch im Inland hätte investiert werden können, fließt ins Ausland ab.
Die Zeitschrift Die Welt hat dies sehr trefflich formuliert:

„Deutschland agiert im Grunde wie ein Gastwirt, der seine Gäste jedes vierte Bier anschreiben lässt. Kurzfristig sind alle damit zufrieden: Die Gäste trinken so viel sie wollen, der Wirt wiederum bringt Schwung in seinen Laden. Aber das Geschäftsmodell funktioniert nicht auf Dauer: Je länger es betrieben wird, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass der Kneipenbetreiber auf seinen Deckeln sitzen bleibt.“

 

 
 
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